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Zauberlehrling mit Kopfschmerzen

23.01.2016

Unerwünschte Nebenwirkungen der digitalen Zeit

Lehrlinge

Von David Gulda - publiziert in der Tiroler Tageszeitung am 23.01.2016

 

Die wuchernde Digitalisierung bringt Umwälzungen, die jenen, früherer Jahrhunderte um nichts nachstehen, als Pflug, Rad, Dampfmaschine oder Elektrizität aus dem menschlichen Verstand geboren wurden.

Rasende Ratio

Um in der Evolution zu überleben, brauchte der Mensch immer schon den Verstand, dieses Differenzierungsmerkmal seiner Spezies. Nur er schuf die Hilfsmittel, mit denen sie ihre körperlichen Schwächen kompensieren konnte.

Doch dem Menschen genügt das jeweils Erreichte nie. Er sieht sich berufen, stets nach weiterer Überlegenheit gegenüber Natur und Mitmenschen zu streben. Dabei sind ihm seine wirtschaftlichen Interessen übermächtige Triebfedern.

Das rechnende Denken ist im menschlichen Geist tief verankert – zu den ältesten Schriftzeugnissen aus sumerischer Zeit zählen kaufmännische Aufzeichnungen – und es hat über Jahrtausende für jenen Vortrieb gesorgt, der uns zur heutigen Ökonomie, inklusive manch verheerender Auswüchse, brachte. Und weiter stürmt die rasende Ratio, diesmal ins digitale Zeitalter.

Der Zauberlehrling

Es wäre zu viel der Ehre, Goethe zu bescheinigen, die heutige Digitalisierung vor dreihundert Jahren vorhergesehen zu haben. Und doch lässt sich sein Gedicht „Der Zauberlehrling“ auch dafür als Gleichnis lesen.

Darin nutzt der Zauberlehrling die Abwesenheit seines Meisters und spricht die Formel, mit der er den Besen in einen Knecht verwandelt, dem er aufträgt, Wasser zu holen. Der Besenknecht ist so eifrig, dass dem Lehrling das Wasser bald zu viel wird. Aber er hat den Spruch vergessen, der den Zauber beenden könnte und klagt: „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los“.

Man ersetze Besen und Knecht durch Bits und Bytes und Wasser durch Daten und fertig ist die neue Flut, die der Dichter seinerzeit beschrieb. Die totale digitale Vernetzung des Globus ist der entfesselte Besenknecht unserer Tage.

Effizient bis zur Entbehrlichkeit

Während die Kritik an der globalen Vernetzung auch anderswo ansetzen könnte – z.B. daran, dass sie der massenhaften Verbreitung von trivialem Unsinn, übler Pornografie, dreisten Betrügereien und wütendem Fanatismus rapiden Vorschub leistet sowie die vollkommene Ausspähung jedes Individuums gleichermaßen ermöglicht wie hervorruft – soll hier der Blick auf einige wirtschaftliche Kopfschmerzen fallen, die sie verursacht.

Das A und O der kapitalistischen Wettbewerbsökonomie ist die Effizienz, die beste Kosten-Nutzen-Relation, das optimale Verhältnis von Input zu Output jedes wirtschaftlichen Vorgangs. Die Digitalisierung im Kapitalismus 4.0 potenziert die bekannte Automatisierung der Industrie und penetriert zahlreiche Handels- und Dienstleistungsbranchen. Sie senkt die Kosten radikal, indem sie bezahlte Arbeitskräfte abschafft. Mit ihr drängen etwa Banken ihre Kunden dazu, vormalige Dienstleistungen nun selbst, gratis, zu erbringen. Und sperren die Filialen zu.

Als Mensch, nicht als Kunde frage man sich, ob es wirklich notwendig ist, Bankgeschäfte nachts am Laptop zu tätigen, statt manchmal eine Zweigstelle zu besuchen, wo Menschen noch die Arbeit verrichten, die sie bald verlieren werden? Ist es wirklich besser, Bücher per Versand oder als elektronische Leihgabe zu beziehen und dabei den Buchhandel auszulöschen? Oder mutatis mutandis auch den Handel mit Tonträgern, Elektronik, Kleidung, Schuhen, Lebensmitteln, Medikamenten? Ist es nicht allzu egoistisch, über Webdienste prekär beschäftigte Amateure und entrechtete Tagelöhner als Paketboten und Taxis anzuheuern oder private Wohnungen für Ferienzwecke zu entfremden, nur weil berufsmäßige Anbieter teurer sind?

Ganz allgemein: Wie klug ist es, wenn der Einzelne, von Mode, Bequemlichkeit oder Geiz verführt, die Effizienzjagd der Wirtschaft stützt und dabei mit jedem Click an dem Ast sägt, auf dem er selbst, jedenfalls indirekt sitzt? Wer sehen will, kann sehen, dass er sich damit das Grab der eigenen Entbehrlichkeit als Arbeitskraft schaufelt und riskiert, „auf den spätkapitalistischen Müllhalden" zu landen, wie es Ilija Trojanow in seinem Buch „Der überflüssige Mensch“ so drastisch formuliert.

Netzoligarchie

Dies wird umso wahrscheinlicher, als Netz und Netzkommerz von sehr wenigen Unternehmen beherrscht werden, die in nur zehn Jahren zu den gewichtigsten der Welt wurden, obwohl sie bloß mit Information handeln. Sie sammeln Daten und verkaufen den Zugang zu den dahinter steckenden Konsumenten. Ihr Produkt sind die Menschen, die auf ihre Dienste zurückgreifen und dabei die Daten preisgeben, die das Oligopol des Netzzeitalters gnadenlos verwertet.

Bei den Gründern, Vorsitzenden, Direktoren dieser Datenkraken sammelt sich enormer Reichtum und, durch die Fülle der ihnen zugänglichen Informationen, auch die Macht, Wirtschaft und Politik weltweit zu dominieren. Etwa indem Informationen selektiert, manipuliert, unterdrückt oder auch nur ein bisschen anders sortiert werden. Seine kommerzielle Ausbeutung durch und politische Auslieferung an diese grenzenlose Weltmacht merkt der unbedarfte User und Bürger gar nicht. Er surft durchs Netz, schwelgt in virtueller Realität, wähnt sich frei und unbeobachtet und wird doch auf Schritt und Tritt observiert und ausgeweidet.

Der Zauberlehrling Mensch hat jedoch, trotz aller Nachteile, noch nie eine lockende Grenzüberschreitung ausgelassen. Diesmal ist es nicht anders. Die fehlende Selbstbeschränkung ist sein Antrieb und seine Schwäche zugleich und macht, dass er den digitalen Geistern keinen Einhalt gebieten will. Im Gegenteil, wie die letzte Computer Electronic Show in Las Vegas zeigte: Längst werden Formen künstlicher Intelligenz entwickelt, deren Algorithmen den menschlichen Geist nachbildend ersetzen sollen. Hier entzieht der Kommerz dem Menschen die Domäne des Verstands, bringt breite intellektuelle Verarmung und womöglich voraufklärerische Gesellschaftsverhältnisse – nur mit Computerfürsten an der Spitze.

Ausblick

Während Goethes Gedicht damit schließt, dass der Meister den Spuk beendet, wird der Mensch die irreversible digitale Zeitenwende, wie frühere Umwälzungen auch, alleine bewältigen müssen.

In ökonomischer Hinsicht hilft ihm, dass ihn selbst die vollständig digitalisierte Wirtschaft des Kapitalismus 4.0 wenigstens noch als zahlenden Konsumenten benötigt. Wenn er aber die Erwerbsarbeit an die Digitalisierung verloren hat, wird ihm das Geld zum Konsum anders verfügbar gemacht werden müssen.

Gegen dieses aufziehende Kopfweh könnte das bisher als altruistische Flause der Linken belächelte bedingungslose Grundeinkommen wirken, um die „Entbehrlichen“ nachfrage- und damit die Wirtschaft überlebensfähig zu halten. Seine Finanzierung sollte aus Abgaben auf den Datenverkehr kommen, weil dieser die Erwerbsarbeit und deren Funktion als Besteuerungsgrundlage ruiniert.

Doch die Digitalisierung verursacht der Gesellschaft auch noch zweifache Migräne: Erstens plagt sie die Unsicherheit, welch sinnvolle Beschäftigung, nicht bloßen Zeitvertreib, Menschen für jene Stunden finden könnten, die sie bisher mit bezahlter Arbeit verbracht haben? Zweitens peinigt sie die politische Grundsatzfrage, wie bei völliger materieller Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen und digitaler Kontrolle des Individuums, dessen persönliche Freiheit gewahrt bleiben kann?

Die Zeitenwende zur digitalen Ökonomie verursacht epochale Beschwerden. Findet sich gegen diese kein geeignetes Mittel, wäre zu dem gloriosen Triumph von des Zauberlehrlings rechnendem Denken mit dem alten König Pyrrhus auszurufen: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren“.