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Verirrungen der Ökonomie

03.10.2015

Wirtschaft soll dienen, nicht herrschen

Wissenswertes

Von David Gulda - publiziert in der Tiroler Tageszeitung am 03.10.2015

 

Dem aus menschlicher Idee geborenen Ewigen genügte das Wort, um Himmel und Erde, das Wasser, das Grün und alle Lebewesen und, zuallererst, das Licht, zu erschaffen. Er sprach: „Fiat Lux“. Und es wurde Licht.

Obwohl dieses Welterklärungsmodell nie unumstritten war und im Zeitalter der Vernunft überhaupt in den Hintergrund rückte, greift die moderne Ökonomie zur Bezeichnung ihres Lebenselixiers just darauf zurück: „Fiat Money“. Denn auch Geld entsteht aus dem Nichts.

Alchemie des Federstrichs

Mit jedem Kredit einer Zentral- oder anderen Bank wird per Federstrich Geld geschaffen und es fußt auf nichts, als den Glauben daran … und an Leistungsfähigkeit und Rückzahlungswillen des Schuldners. Just der Begriff „Kredit“ verweist direkt auf diese Glaubensabhängigkeit stammt er doch von „credere“, dem lateinischen Wort für „glauben“, ab.

Fiat Money bezeichnet Geld mit bloßer Tauschfunktion, da es für sich genommen materiell wertlos ist. Das Gegenteil ist Warengeld, das auch einen eigenen materiellen, so genannten intrinsischen Wert hat. Aber seine Zeiten sind lang vorbei und selbst sein matter Schatten, der Goldstandard, zerbrach, als sich 1973 die währungspolitische Nachkriegsordnung von Bretton Woods auflöste.

Sie versank, als die Welt begriff und die USA zugeben mussten, dass ihr bis dahin geltendes Versprechen unhaltbar geworden war, alle umlaufenden Dollarbestände jederzeit zu einem festen Kurs von damals USD 35,- je Feinunze in Gold abgelten zu können. Überbordende Defizite, damit korrespondierende Schulden, beides gleichbedeutend mit zu viel aus dem Nichts geschöpftem Geld, hatten die Zusage zum Einsturz gebracht.

Das Abkommen von Bretton Woods war das selbstangelegte Zaumzeug des Geldsystems, das die weltweite Wirtschaftsentwicklung unter Kontrolle halten sollte. Es ging an der unverschämten Missachtung durch seine Parteien zugrunde, der die offizielle Auflösung nur als nachträgliche Legitimation einer schon vorher ausufernden Geldschöpfung folgte. Seither basiert der „Geldwert“ auf keinerlei „realen“ oder endlichen Werten mehr, sondern allein auf der relativen ökonomischen Solidität der verschiedenen Gelderzeuger.

Und das ist heute so vielversprechend, wie es seinerzeit war, als die Alchemisten versuchten, aus allerlei Wertlosem Gold zu schaffen. Denn mit der Solidität ist es nirgends weit her, wie die Schritte zeigen, die reihum von Japan, den USA, Europa und jüngst auch von China ergriffen wurden. Fortgesetzte Nullzinspolitik, hochschießende Geldmengen, Staatsfinanzierung durch die Zentralbanken, Wechselkursinterventionen sind kein Ausdruck von Solidität, sondern deren Gegenteil.

Wackliges Haus

Natürlich wissen die Geldpriester und ihre politischen Ministranten um die prekäre Lage. Daher ziehen sie alle Register, um die alchemistische Leere hinter der unbeschränkten Geldschöpfung zu verbergen. Dazu zählen insbesondere die Rituale vor laufenden TV-Kameras bei denen dem andächtigen Publikum mit ernster Miene hohle Beschwichtigungsphrasen und verheißungsvolle Orakelsprüche verabreicht werden, wie Hostien während der Eucharistiefeier.

Die Schimäre des auf bloßem Glauben beruhenden Geldes, verlangt allerdings nach dieser Magie.

Denn wo sich sein Wert dem Nichts annähert, aus dem es geschaffen wurde, kommt es nur mehr auf die Illusion an, um das wacklige geldwirtschaftliche Haus dennoch zusammenzuhalten.

Schulden ohne Sühne

Das aktuelle Zaubermittel gegen den Kollaps ist der unaufhörliche Aufbau von Schulden, verbunden mit deren (noch) nicht eingestandener Entkopplung von der Rückzahlbarkeit.

So wie die biblische Schuld nicht ohne Sühne daherkommt, so waren wirtschaftliche Schulden – die beiden Begriffe teilen sich den Wortstamm nicht von ungefähr – bisher untrennbar mit der Verpflichtung der Rückzahlung verknüpft. Doch bei öffentlichen Schulden verdampft das Junktim langsam im Sprühnebel der Wörterfälle gewichtiger Amtsträger. Sie wachsen wie Lawinen, werden nie abgetragen, sondern bloß weitergerollt und sollen so eine wundersame Wandlung zur Folgenlosigkeit erfahren.

Eine derart fragwürdige, weil säkularisierte, von ihrem moralischen Rückgrat entkernte Schuldenwirtschaft bedeutet absolutes ökonomisches Neuland. Da aber alle, auch die maßgeblichsten Volkswirtschaften der Welt, ihre Fähigkeit zur Schuldenabtragung längst verloren haben und das Eingeständnis dessen, das Kartenhaus wohl zusammenbrechen ließe, gibt es für das riskante Experiment keinen brauchbaren Ersatz – so unsicher das Terrain auch sein mag.

In Europa führte das griechische Schuldendrama bis knapp an den Abgrund. Deshalb sind die dem Land letztlich erneut eingeräumten (und verlorenen) Milliardenkredite auch keine Überraschung. Überraschend und unerwünscht war bloß die öffentliche Beichte der griechischen Regierung, dass ihr Land bankrott ist. Solche Offenheit und der daraus notwendig folgende Wunsch einer fundamentalen Bereinigung, passen natürlich nicht ins Spiel der Illusionisten, die allesamt selbst Schuldner in vergleichbarer Lage sind.

Schädliche Dominanz der Ökonomie

Verursachte die Schulden- und Finanzkrise kürzlich noch tägliche Schlagzeilen, wurde sie nun durch den vieltausendköpfigen Flüchtlingstreck daraus verdrängt. Dabei darf weder übersehen werden, dass Erstere als tückischer Schwelbrand weitermäandert, der bei erstbester Gelegenheit neu aufflammen wird, noch dass Letzterer nur ein weiteres, wenn auch besonders tragisches Symptom des generellen Leidens unserer Welt ist: der alle Lebensbereiche umfassenden Ökonomisierung.

Wir konstatieren die zunehmende Dominanz einer auf tönernen Füßen stehenden Ökonomie, deren Opfer bereits allzu zahlreich sind. Zu ihnen zählen etwa das humanistische Bildungsideal, das der Dressur nützlicher Wirtschaftssubjekte weichen musste oder die, im digitalen Netz zu gewinnbringenden Bits und Bytes zerlegten Menschen. Dazu gehören die durchaus offensichtlicheren Opfer, die von den abschmelzenden Gletschern und leergefischten Weltmeeren bis zu den afrikanischen, kambodschanischen und brasilianischen Kleinbauern reichen, welche die internationale Agroindustrie von ihrem Land vertreibt. Und nicht zuletzt gehören auch die bereits erwähnten, nun Europa erreichenden Flüchtlinge dazu, die vor Terror und Todesnot fliehen, die die Rohstoff- und Rüstungsindustrie und andere Kriegstreiber als Kollateralschaden ihrer Wirtschaftsinteressen in Kauf nehmen.

Es ist höchste Zeit, die Konsequenzen aus dieser politisch und wirtschaftlich misslichen Weltlage zu ziehen und die fortgesetzte Opferung humanistischer Werte – von den Menschenrechten, über die Moral im Geschäftsleben bis zur individuellen Freiheit – auf dem Altar der Ökonomie zu stoppen.

Zum Glück besitzt der Mensch die Fähigkeit zu kritischem Denken, um sich der völligen Degradierung zum bloßen homo oeconomicus zu entziehen und also vor den perfiden Mechanismen nicht zu kapitulieren, die in der ungebremsten (Schulden)ökonomie einerseits und den vielfältigen manipulativen Täuschungen des (digitalen) Informationskapitalismus (© Frank Schi

Gegen die rücksichtslos utilitaristische Machbarkeitsarroganz einer kleinen Minderheit ökonomischer Profiteure und die nicht zu deren Nachteil der Allgemeinheit aufgebürdeten Schulden, gilt es für die große Mehrheit, ihren eigenen Bequemlichkeitsfatalismus überwindend, die Kraft der Ratio und die Rechte der Demokratie einzusetzen, um sich nicht von der Schlinge der dräuenden ökonomischen Diktatur erdrosseln zu lassen. Für ein Sein in Würde und Freiheit. Überall.