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Stirb und werde

05.12.2016

Ökonomische Effizienz mit sozialen Folgen

Publiziert in der Tiroler Tageszeitung vom 03.12.2016

 

Von David Gulda

Die Wirtschaftlichkeit oder Effizienz eines ökonomischen Vorgangs ist umso größer, je kleiner der Aufwand (Input) ist, der für ein bestimmtes Ergebnis (Output) benötigt wird. Dabei kann "Ergebnis" ein Produkt, eine Dienstleistung oder der letztlich in Geld gemessene Gewinn sein.

Unternehmen in der Wettbewerbsökonomie bemühen sich stets darum, den Input im Verhältnis zum Output zu senken, gerade in gesättigten Märkten. Dabei ist Effizienzsteigerung in sehr umkämpften Sektoren schlicht überlebensnotwendig, während anderswo und häufiger die Banalität der Gewinnmaximierung regiert.

So oder so wird es in diesem Wirtschaftlichkeitswettrennen für unselbstständig Beschäftigte zunehmend ungemütlich. Sie zählen zum Input, dessen Kosten verringert werden sollen, und da sie im Vergleich zu Maschinen, Computern und Robotern sein teuerster Faktor sind, liegt es nahe, sie, wo immer möglich, zu ersetzen. Und immer noch raffiniertere Elektronik und Kommunikationstechnik sortiert sie nicht nur aus den Prozessen der Güterproduktion aus, sondern auch aus jenen der Dienstleistungserstellung. Unnachgiebig drängt der Wettbewerb, unwiderstehlich locken Gewinnaussichten. Zudem drückt die Nullzinspolitik der Notenbanken die Fremdkapitalkosten, was Rationalisierungsinvestitionen begünstigt, ohne deswegen das angestrebte Wachstum herbeizuführen. All diese gleichgerichteten Faktoren wirken übermächtig, sodass auch gut gemeinte staatliche Interventionen versagen, die Arbeitsplätze schaffen sollen.

Skeptiker wie Enthusiasten der Digitalisierung stimmen in zwei Punkten überein: Beide glauben, dass gegen den weiteren Ersatz des Menschen durch Maschinen kein Kraut gewachsen ist. Und beide wissen, dass eine ökonomische Zukunft, mit vielleicht halbierter Erwerbsarbeit, der Gesellschaft einen brachialen Umbruch aufzwingen wird. Der Blick darauf, was Ökonomie eigentlich leisten soll, kann helfen, ihn zu meistern.

Oikonomia

Der griechische Begriff "oikonomia", von dem das Wort "Ökonomie" abstammt, bezeichnete die geordnete Haushaltsführung, wobei das entscheidende Element weniger im Wort "oikos" für "Haus", als im Wort "nemein" für "verteilen" steckt.

Für Platon bedeutete Ökonomie zunächst eine mögliche Quelle sittlicher Verderbnis und sodann so etwas wie generell sparsames Wirtschaften. Sein Schüler Aristoteles begriff sie als eine Art von Klugheit, die auf Tugend oder Vorzüglichkeit zielen und Gerechtigkeit im Sinn haben sollte. Er wollte sie als ein Mittel zum guten, verteilungsgerechten Zweck verstanden wissen und keinesfalls als einen Zweck an sich, der sich auf die Anhäufung materieller Güter beschränkt.

Beide Klassiker der Antike sahen sich genötigt, bei den Menschen das rechte Maß ihres wirtschaftlichen Strebens einzufordern und sie zur Zurückhaltung zu mahnen. Ihr Denken über Ökonomie war deshalb maßgeblich moralisch, menschenfreundlich geprägt, wenn auch daran zu erinnern ist, dass sie in einer Sklavenhalterwirtschaft lebten, die den Begriff "Mensch" für griechische Bürger reservierte.

Springt man vom Altertum ins 18. Jahrhundert zu Adam Smith, dem Begründer der Ökonomie als Wissenschaft, erkennt man, dass auch er sich der Wirtschaft aus moralischer Perspektive genähert und ihr eine dem Menschen dienende Rolle zugedacht hat. Gleiches gilt, obwohl auf ganz andere Art, auch für Karl Marx und John Maynard Keynes sowie für die Freiburger Schule der Nationalökonomie. Angelehnt an Letztere entstand die soziale Marktwirtschaft, die den Kapitalismus in ein Regelwerk einbettete, das jahrzehntelang für den Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit sorgte.

Paradigmenwechsel

Aber in den 1970er Jahren fand der Schwenk statt, der politisch mit den Namen Margaret Thatcher und Ronald Reagan und wissenschaftlich mit jenen von Friedrich August von Hayek und Milton Friedman verbunden ist. Das wesentliche Kennzeichen der von ihnen eingeleiteten und bis heute anhaltenden Ära ist die Wandlung der Rolle der Ökonomie selbst. Während ihr als soziale Marktwirtschaft eine dem Menschen zugewandte und, trotz aller Unzulänglichkeiten, auch gerecht wirkende Funktion zukam, verkümmerte sie im so genannten Neoliberalismus zum Selbstzweck.

Eine Ökonomie aber, die sich in der Ratio der Effizienz erschöpft, steht im schärfsten Gegensatz zu den Absichten älterer Denker und Denkschulen. So z. B. auch zu Immanuel Kants Moralphilosophie, die er in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" zum kategorischen Imperativ verdichtete: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest."

Der Neoliberalismus vergisst den Menschen als Zweck. Sein Werkzeug ist die Peitsche der Effizienz. Innerhalb seiner Logik ist jeder Peitschenhieb folgerichtig. Da aber die Logik selbst inhuman ist, ist auch ihr Werkzeug verwerflich. Man erinnert sich an Theodor W. Adornos berühmten Satz aus anderem Kontext, wonach „[e]s kein richtiges Leben im falschen [gibt]", und erkennt die Analogie.

Trotzdem ist mit dem Richtigen gegen das Falsche anzugehen, um die immer tiefere Spaltung einer Gesellschaft zu vermeiden, in der viele Menschen Erwerbsarbeit und damit nicht nur Einkommen, sondern auch Selbstwert, Lebensmut und Sinn verlieren dürften. Ihnen droht der soziale Tod, wie der Soziologe Hartmut Rosa so drastisch formuliert.

Was tun?

Lässt also betriebswirtschaftlich rationales Effizienzstreben jene (sozial) sterben, denen die Volkswirtschaft, denen die kapitalistische Ökonomie dienen soll? Möglich, aber dann erstickt der Kapitalismus am eigenen Erfolg. Und die Beiseitegeschobenen werden ihn beiseiteschieben. Ausgang ungewiss.

„Stirb und werde" sind gern zitierte Worte Goethes und André Gides. Sie drücken den Zwang zum Wandel so dramatisch aus, wie er sich auch den Menschen von heute präsentiert. Der globale Kapitalismus muss sich wandeln, wieder zum Diener der Gesellschaft werden. Jene, die ihn dirigieren, müssen ihn wandeln. Und sich. Sie können beides. Es ist eine Frage des Wollens unter dem moralischen Gebot des Sollens.

Wenn sie diese Aufgabe erkennen und annehmen, wird just der Kapitalismus das Ziel der Revolution erreichen, wie es Marx sah: Die Befreiung des Menschen von der Arbeit. Der Liberale Keynes kam darauf zurück, als er 1930 hoffte, dass in 100 Jahren, also ca. jetzt, Maschinen den Menschen im Produktionsprozess vollständig ersetzen würden.

Beide sind des Neoliberalismus unverdächtig und wünschten den von der Erwerbsarbeit Befreiten keineswegs den sozialen Tod. Sie würden auch nicht meinen, dass sie ihn stürben. Vielmehr sahen sie die Freiheit leuchten und traute gerade Marx den Menschen zu, sich mit Höherem und Geistigem und insofern Lohnendem zu beschäftigen, sobald sie der Lohnarbeit entronnen wären. Dabei gibt es viele Betätigungsfelder von gesellschaftlichem Wert — und nicht nur das Schöngeistige, das Marx vorschwebte, aber nicht jedermanns Sache ist.

Die Mittel, die der Mensch für den Wandel benötigt, zu dem ihn der Kapitalismus zwingt, muss dieser ihm beschaffen, um — verändert — selbst zu überleben. Denn zumindest kaufkräftige Konsumenten braucht er. Dabei müssen die Menschen aber höchst wachsam sein, damit sie die neue Freiheit nicht postwendend, aus eigener Bequemlichkeit an eine digitale Waren- und Überwachungswelt verlieren, die sie zu willfährigen Objekten degradieren möchte. Selbstbeschränkung ist da Widerstand zur Freiheit. Und Freiheit ist Bedingung des Werdens.