Home  >  Berger Logistik  >  News  >  Schaf oder Wolf?

Schaf oder Wolf?

03.05.2016

Plädoyer für eine bedächtige Ökonomie

von David Gulda - Publiziert in der Tiroler Tageszeitung vom 30.04.2016

 

Vor 15 Jahren schlug der Meteorologe Paul Crutzen vor, das gegenwärtige Erdzeitalter zum Anthropozän zu erklären, weil es wesentlich vom Einfluss des Menschen auf die Erde gekennzeichnet ist, während es ihr jahrtausendelang völlig gleichgültig war, wie er sich verhielt oder ob es ihn überhaupt gab. Für die Erde war der Mensch der sprichwörtliche Hund, der den Mond anbellt. Er kümmerte sie nicht.

In Crutzens Vorschlag meint „gegenwärtig“ eine Zeitspanne von kaum dreihundert Jahren, die, in erdgeschichtlichen Dimensionen, nicht mehr als ein paar Sekunden sind. Aber diese Sekunden menschlichen Wirkens veränderten die Vorzeichen. Denn nun richtete es sich nicht mehr auf bloßes Auskommen, das mit eigener Körperkraft, verstärkt durch wenige Handwerkszeuge und tierische Helfer, täglich neu zu erringen war. Plötzlich ging es um die Erzeugung von Überschüssen – entfesselt durch die Nutzbarmachung der fossilen Ressourcen des Planeten, von der Kohle über das Erdöl bis zur Atomkraft.

Der Mensch entdeckte, wie sich aus dem der Erde bald schon industriell entrissenen Material, das sie bis auf den bescheidenen Extraktionsaufwand vermeintlich kostenlos herausgab, sowohl wachsende Lebensbequemlichkeit als auch materieller Wohlstand für ganze Gesellschaften erzeugen ließen. Mit der Erde als stiller Dulderin war das Modell unwiderstehlich, nicht zuletzt weil es seinem Erfinder, Europa, die Mittel verschaffte, sich den Rest der Welt physisch und ökonomisch untertan zu machen.

Die Zeiten sind zweifach vorbei. Erstens ist Europas Patent auf das Modell längst ausgelaufen. Andere haben es kopiert. Zweitens hat es die Menschheit zu immer neuen Extremen geführt, die sich zu einer hohen Rechnung summieren, welche auf die eine oder andere Art zu begleichen sein wird.

Kluge Beobachter sahen das kommen: So Hannah Arendt, die in ihrem 1958 erschienenen Buch „The Human Condition“ eher beiläufig von einer „auf Vergeudung beruhenden Wirtschaft“ sprach, oder ihr Zeitgenosse Hans Jonas, der 1979 in „Prinzip Verantwortung“ forderte, dass der Mensch für die Erde eben dies, Verantwortung, übernehmen müsse. 1973 proklamierte der Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“, was Politik und Öffentlichkeit aber rasch verdrängten. Und seit 20 Jahren setzen UN-Klimakonferenzen immer dringlichere Notrufe ab.

Moral statt Mythos

Die Zumutungen der Herrschaft zivilisatorischer Opulenz für die Beherrschten in den Armutsregionen und für die Zukunft aller wurden trotz dieser zahlreichen Mahnungen nie geringer. Im Gegenteil.

Doch im Schatten immer noch dramatischerer Beobachtungen vom Klimawandel über das Artensterben bis zur Müllverseuchung der Meere und dem Hunger dort, wo der Regen fehlt, und andernorts, wo er als Sturzflut alles versenkt, könnte langsam die Erkenntnis reifen, dass der kleine Mensch der großen Erde mit seinem ökonomischen, technischen und wissenschaftlichen Treiben selbstmörderischen Schaden zufügt.

Als Europa noch eine mythische Figur war, wäre es ihren göttlichen Verwandten zugefallen, mit eleganter Geste oder grollendem Donnerschlag für die Richtungsänderung zu sorgen. Heute ist darauf zu setzen, dass es dem Vernunftwesen Mensch selber gelingen möge, den Zorn der Erdgöttin Gaia abzuwenden und einen Ausweg aus dem Chaos seines Übermuts zu finden.

Zuversicht ist gestattet, doch wird er seine ganze moralische Kraft in Form jener Selbstbeschränkung brauchen, die er paradoxerweise aus derselben Vernunft zu schöpfen hat, der er Technik, Wissenschaft und Wirtschaft verdankt und die nun deren Exzesse einfangen muss, um zu den Grenzen der Verträglichkeit dieser einen Erde zurückzufinden.

Nur moralische Vernunft, aber diese immerhin, befähigt den Menschen zu verantwortungsvoller Einsicht in freiwilligem, rechtzeitigem Rückzug dort, wo er sich wider die Natur, der er natürlich angehört, zu weit vorgewagt hat. Dazu sind ebenfalls technische Lösungen nötig, soll nicht purer Verzicht verlangt werden. Aber auch sie wären ein Verdienst der Moral, entstünden sie aus neuem Verantwortungsbewusstsein und würden diesem zum Durchbruch verhelfen. Jüngste Abgasmanipulationsskandale zeigen leider das Gegenteil auf.

Wölfische Wirtschaft

Denn mit der Moral ist es so eine Sache. Seit Menschen vor 2500 Jahren begannen, sich zögernd vom Mythos göttlicher Eingriffe als ultimativer Erklärung für die Phänomene der Welt und als strengem Zuchtmeister für das menschliche Verhalten zu trennen, wurden heftige philosophische und theologische Debatten über Herkunft, Wesen, Sitz und Grenzen der Moral geführt.

Im 17. Jahrhundert packte Thomas Hobbes die Idee, dass der Mensch von Natur aus schlecht sei und mit jeder seiner Lebensäußerungen, und seien sie noch so hübsch verkleidet, nur dem eigenen Nutzen nachjage, in den bekannten Satz, dass der Mensch des Menschen Wolf sei. Diesen haben die späteren Pioniere der industriellen Revolution ebenso bereitwillig verinnerlicht, wie heutige Billigtextileinkäufer, Saatgutmanipulierer oder Abgasbetrüger.

Etwa hundertsiebzig Jahre nach Hobbes fasste Charles Darwin die Erklärung für alles Leben auf der Erde in seiner Evolutionstheorie zusammen, die die Wolfsthese oberflächlich stützt, geht sie doch vom „Survival of the fittest“ aus, also davon, dass der kräftigere, beweglichere, listigere Wolf überlebt.

Diese Überzeugungen prägen die gegenwärtige Ökonomie im Übermaß. Im Wettlauf um die Oberhand scheuen die Wölfe keine riskante Technologie und schonen nichts und niemanden, um Rohstoffe zu schürfen, Produkte abzusetzen, deren Residuen zu verscharren, Profite zu machen. Ihr Verhalten scheint unvermeidlich aus den Thesen von Hobbes und Darwin zu folgen. Denn ist es nicht wirklich so, dass allzu oft jene materiell am besten fahren, die sich mit spitzen Ellbogen und dicken Fäusten, ohne Rücksicht auf Natur und Mensch, durch die Wirtschaft im Großen wie im Kleinen boxen?

Grasen, nicht reißen

Doch die Verfechter dieser Theorie und Praxis übersehen, was schon Pjotr Kropotkin, Anarchist im zaristischen Russland und später Zeitgenosse Darwins, behauptete und der renommierte Primatenforscher Frans de Waal mit Beobachtungen nachwies, die er 2008 im Buch „Philosophen und Primaten“ auf diese Formel brachte: Gemäß der Evolutionstheorie sind alle Lebewesen so geworden, wie sie sind, weil sie nur die ihnen nützlichen Eigenschaften von Generation zu Generation weitergegeben haben, und da Menschen offensichtlich auch zu altruistischen, also moralischen Handlungen fähig sind, muss die Moral zum Überleben der Art beitragen, sonst hätte sie die Evolution eliminiert.

Damit behielte Darwin Recht, aber Hobbes nicht unbedingt und mit ihm lägen alle falsch, die meinen, dass das Menschenwerk der Ökonomie zwingend aus dem Kampf jeder gegen jeden bestünde. Aber nichts ist alternativlos. Der Mensch, jeder Mensch, hat immer die Wahl. Hier liegt sie zwischen Kampf und Kooperation.

Letztere wird desto dringender, je mehr die Ratio des Geldes auch einst wirtschaftsabgelegene Lebensbereiche erfasst und selbst dort der fatalen Logik folgt, wonach Menschen nur nach dem geldwerten Vorteil entscheiden, der ihnen jeweils winkt („rational choice“). Diese Sichtverengung schafft erst, was sie vorzufinden vorgibt. Sie erhebt aggressiven Egoismus zum Standard und blendet den Altruismus und die sozialen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Menschen aus. Sie verkleidet das Schaf als Wolf.

Es ist Zeit für das Schaf, das Wolfskostüm abzulegen und die Erde nicht zu reißen, sondern auf ihr – im doppelten Wortsinn – bedächtig zu grasen.