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Müßiggang im Überfluss

25.07.2016

Neue ökonomische Realitäten am Horizont

von David Gulda - Publiziert in der Tiroler Tageszeitung vom 16.07.2016

 

Der lange Wirtschaftsaufschwung ist ein für alle Mal vorbei, dessen sich Österreich ab 1950 mit wenigen Dellen erfreut hat. Nach dem vollendeten Wiederaufbau nach der Kriegszerstörung Europas folgte eine goldene Ära des Landes. Materieller Wohlstand und soziales Wohlergehen stiegen nicht nur in die Höhe, sondern wuchsen auch in die Breite. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union wurde das Wohlstandsfest ein erstes, mit den Unionserweiterungen ein weiteres und mit der Globalisierung ein letztes Mal verlängert. Und stockte der Konjunkturmotor, wurd­e er, frei nach Kreisky, mit ein paar Milliarden Schulden wieder angeworfen.

Mit seinem Bonmot erwies sich der legendäre österreichische Bundeskanzler als Kenner jener Hälfte der Theorie von John Maynard Keynes, wonach die Wirtschaft durch das antizyklische Verhalten des Staates am Laufen zu halten ist, indem dieser mit schuldenfinanzierten Investitionen immer dann einspringt, wenn Privat­e und Unternehmen sparen. Den anderen Teil der Theorie, dass bei guter Lage das Umgekehrte zu praktizieren sei, haben Kreisky und viele andere in Österreich und anderswo überlesen. Das war solange kein wirtschaftliches Problem, als die aufgenommenen Schulden Wachstum und Beschäftigung herbeiführen konnten.

Aber diese Zeiten sind vorbei. Denn obwohl die von den Zentralbanken geschöpften Geldmengen absolut und relativ noch nie so hoch waren wie jetzt, will sich kein Wachstum mehr einstellen. Es stehen ihm nämlich ein paar andere Gründe entgegen, wie z. B. der Sättigungsgrad in der Güterversorgung, den die Wohlstandszonen der Welt erreicht haben, oder vielleicht sind die Menschen des Überflusses überdrüssig und fühlen dessen Unsinn. Oder die Effizienz- und Produktivitätssteigerungen des technologischen Umbruchs sind so mächtig, dass die alte­n Rezepte nicht mehr greifen.

Keynes, Marx, Paulus und Aristoteles

Um 1930 formulierte Keynes nicht nur die erwähnt­e Theorie, sondern auch die hoffnungsfroh gemeinte Botschaft, dass in ca. 100 Jahren, also ungefähr jetzt, Maschinen und Technik einen Überfluss erzeugen würden, der es den Menschen ersparen würde, allzu viel zu arbeiten. Damit prophezeite er einen Zustand, von dem Karl Marx um 1850 schon träumte, als er meinte, dass das Ziel der Revolution die Befreiung des Menschen von der Arbeit sei.

Nun bekommen beide Recht. Die Erwerbsarbeit, ein Kern der etablierten Wirtschaftsordnung, löst sich in einer technischen Revolution auf, die den alten Industriekapitalismus, in dessen Frühstadium Marx seinen Befreiungstraum träumte, in einen Informationskapitalismus verwandelt, der Keynes' Voraussage eintreten lässt.

Basis der neuen Spielart des Kapitalismus ist die Digitalisierung. Sie ist eine höchst wirksame Rationalisierungstechnologie, die sämtliche Arbeitsprozesse beschleunigt, verbilligt und unendlich reproduzierbar macht. In rasche­r Schrittfolge vernichtet sie althergebrachte Geschäftsmodelle und entkleidet den Menschen seiner bisherigen Rolle als Produktions- und Dienstleistungsfaktor. Die Effizienz der Wirtschaft erreicht solche Höhen, dass Erwerbsarbeit nicht mehr lange als bürgerliche Pflicht gelten kann. Die Unaufhaltsamkeit ihres Rückgangs muss als Realität der Zukunft begriffen werden. Dazu eine positive Einstellung zu finden, fällt aller­dings schwer.

Denn das Arbeitsethos ist tief in der Kultur verankert. So schrieb Paulus vor 2000 Jahren im zweiten Brief an die Thessalonicher, in dem er das unordentliche Leben verdammt­e und den Fleiß einmahnte: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen." Da tröstet es kaum, dass Aristoteles' Lob der Muße — verstanden als angestrebte Nicht-Arbeit — 350 Jahre älter ist.

Was tun?

Angesichts der Vergeblichkeit, sich der Digitalisierung und ihren Folgen zu widersetzen, sowie im Bestreben, trotzdem wohlgeordnete soziale Gemeinwesen zu bewahren, ist es geboten, sich mit dem Übergang in das kommende Zeitalter zu befassen, in dem vielleicht nur noch halb so viele bezahlte Arbeitsstunden auf die Menschen zu verteilen sein werden wie heute. Mit diesem Ausblick ist von den Älteren zweifache Solidarität mit der Jugend zu fordern. Sie sollten ihre Stellen eher früher als später räumen (dürfen) und sich mit entsprechend kleineren Ruhebezügen und Pensionen begnügen. Die Rechte der Jugend auf die Zukunft wiegen schwerer als die Ansprüche Älterer aus den Jahren des Aufschwungs.

Es spricht für die Stärke der Wirtschaft des Landes und sein sozialstaatliches System, dass es die ganze österreichische Bevölkerung über die Runden bringt, obwohl schon jetzt kaum mehr als 40 % davon bezahlte Arbeit haben, die dazu häufig weder ganzjährig noch ganztägig ist. Dies lässt hoffen, dass, in gemeinsamer Anstrengung, auch die nächst­e Stufe der Verdrängung der Menschen von bezahlten Arbeitsplätzen zu bewältigen ist.

Zur Finanzierung des Systems müssen bestimmt ein paar Parameter im Steuerrecht umgebaut werden, weil die Erwerbsarbeit als Finanzierungsquelle ausfällt. Gesamtwirtschaftlich sollte das aber kein Grund zur Panik sein, denn es ist unerheblich, ob der zu verteilende Wohlstand vom Menschen oder von Maschinen geschaffen wird.

Beihilfenrechtlich wird man um so etwas wie ein Bürgergeld für jedermann nicht herumkommen, egal wie man es nennt. Es wird nicht bedingungslos sein können, weil es verkonsumiert werden soll, um in die Wirtschaft zurückzufließen. Dazu könnte es negativ verzinst werden, um für raschen Umlauf zu sorgen. Es hätte dann den Charakter von Schwundgeld, wie das Wörgler Freigeld anno dazumal. Nur würde es diesmal wohl elektronisch verwaltet. Umstellungen im Sozialsystem müssen gewährleisten, dass durch das Bürgergeld die Staatsausgaben nicht steigen. Den Spielraum dazu schafft die einfachere Verwaltung.

Über all dies wird es viel Polemik und politischen Streit geben, aber die Macht des Faktischen wird alle Beteiligten hoffentlich zu klugen und ausgewogenen Lösungen führen — und Betroffene zur Einsicht.

Abschied von Gewohntem

Trotz aller Unwägbarkeiten könnte der wirtschaftliche Übergang mit mathematischer Nüchternheit leichter zu bewältigen sein als die psychologischen Herausforderungen, die den Menschen ebenfalls bevorstehen. Denn der Informationskapitalismus möchte sie im Netz langweiligen Konsums und belangloser Zerstreuung fangen, wogegen intelligent gestalteter Müßiggang zu setzen ist, der allerdings erst gelernt sein will. In diesem Spannungsfeld regiert die Unsicherheit.

Aber mutige Pioniere erproben bereits soziale und wirtschaftliche Handlungsalternativen, die Namen tragen wie Social Business, Gemeinwohlökonomie, Upcycling, Selbstversorgung, Share Economy etc. Oft sind sie sympathisch-idealistische Varianten tätigen Protests gegen eine vollständig ökonomisierte, dem Wachstumsdogma verfallene Gesellschaft. Sie markieren Fluchtwege aus der Versklavung im Konsumnetz und zeigen sinnvolle Beschäftigung abseits klassischer Erwerbsarbeit auf. Gemeinsam ist ihnen ferner, dass sie meist für Mäßigung und Achtsamkeit stehen und damit auch Antworten auf die ökologischen Verwerfungen bieten, die viele Jahrzehnte rücksichtslos ressourcenausbeutender Ökonomie auf der Erde verursacht haben.

Zugegeben, das klingt alles sehr exotisch für eine Gesellschaft, die sich dem rechnenden Effizienzdenken vollständig unterworfen und den Güterüberfluss zum Maß ihrer Glückseligkeit gemacht hat. Der Informationskapitalismus aber zwingt die Wohlstandsgesellschaft zum Abschied vom liebgewonnenen Gewohnten und stellt sie vor das doppelsinnige Rätsel vom Müßiggang im Überfluss.