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Geld, Geist und Gewissen

28.11.2015

Auf zu schöpferischer Symbiose

Zentrale

Von David Gulda - publiziert in der Tiroler Tageszeitung am 28.11.2015 

 

Geld, dieses Sinnbild der Ökonomie, entstammt dem menschlichen Geist ebenso, wie das Gewissen zu dem Moral und Ethos im Individuum gerinnen. Geld und Gewissen sind Pole der Vernunft, zwischen denen der Mensch immerzu pendelt, den Masseschwerpunkt stets passierend, ohne dort, in Äquidistanz zu den Extremen, je dauerhaftes Gleichgewicht zu finden.

Obwohl die Extreme natürlich ideologisch differieren, sind ihre zerstörerischen Folgen ähnlich. So verwandelt etwa die heraufziehende totale Ökonomisierung unserer Tage die Menschen selbst in digitalisierte Ware und leiden sie vielerorts an einer, dem Wachstum zuliebe, gemarterten Umwelt. Und bei Kinder- und faktischer Sklavenarbeit unterscheidet sich das 21. Jahrhundert in Bangladesch und anderswo kaum vom europäischen Mittelalter oder den Anfängen der industriellen Revolution.

Und auch am moralischen Ende des Pendelschwungs finden sich genügend Verirrungen, zu denen sich der Mensch im Namen höherer Werte schon verstiegen hat und immer wieder versteigt. Die Schreckensherrschaften Robespierres oder Stalins, die Schauprozesse dieser und weiterer Epochen, die grausame katholische Inquisition oder die Kriege für den rechten Glauben und andere Ideen einst und jetzt zeugen davon.

Ratio und Religio

Es ist bezeichnend, dass uns das Wort „Ratio“ als Synonym für Vernunft gilt. Denn der lateinischen Wurzel nach, steht es für „Berechnung“, womit sich in der heutigen Verwendung jenes rechnende Denken manifestiert, das die ökonomisierte Welt determiniert, in der das Geld regiert.

So meint es der deutsche Ökonom und Philosoph Karl-Heinz Brodbeck, der in seinem Buch „Faust und die Sprache des Geldes“ das Geld als Denkform bezeichnet, das die menschliche Vernunft so durchdringt, dass sie ihm in jeder Hinsicht unwillkürlich folgt. Dabei ist das Geld, diese in der Selbstverständlichkeit verborgene Struktur menschlichen Verhaltens, keine Besonderheit der Moderne, sondern entstand schon vor 8.000 Jahren, wie Brodbeck, auf archäologische Funde verweisend, zeigt.

Seither hat die Ökonomisierung mehrmals überschießende Ausmaße angenommen, wogegen die Menschen moralische Kodizes entwickelten, wie man Religionen auch nennen könnte. Manches in den heiligen Büchern erwähnte ökonomische Phänomen zeigt es: Das Gebot regelmäßigen Schuldenerlasses im Buch Mose, verschiedene Zinsverbote oder der Satz im Matthäusevangelium: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Auch das 7. Gebot: „Du sollst nicht stehlen“, hat nur bei vorausgesetztem Eigentumsprinzip Sinn, dem, neben dem Geld, stärksten Merkmal rechnenden Denkens.

Dass, nebenbei bemerkt, sogar manch Hüter der Religion, das Wort fußt im lateinischen „Religio“ für Rückbindung, nicht vor der Wucht des Geldes als Denkform gefeit ist, zeigen Deformationen vom früheren Ablasshandel bis zu heutigen kirchlichen Finanzskandalen von Limburg bis Rom.

 

Gespaltener Geist

Der Gegensatz von Geld und Gewissen, diesen beiden Konstrukten des dazwischen pendelnden menschlichen Geistes, hat Dichter und Denker oft beschäftigt. Er fand vielfachen literarischen Niederschlag, etwa in Goethes Faust, Hofmannsthals Jedermann oder Brechts Dreigroschenoper.

André Comte-Sponville, ein französischer Philosoph der Gegenwart, befasst sich damit in seinem Buch „Kann Kapitalismus moralisch sein?“. Seine Antwort variiert das Thema der Kontrolle der Ökonomie durch ein sie begrenzendes Wertesystem. Dafür schlägt er vier Ordnungen vor, zu deren erster, der technowissenschaftlichen, auch die Wirtschaft zählt. Und er meint, dass sich innerhalb der Ordnung allenfalls eine Begrenzung für das Mögliche, nie aber für das Zulässige finde. So ist in der Biologie das Klonen möglich, ebenso wie in der Physik die Kernspaltung. Ob und in welchem Maß dies aber auch zulässig und wünschenswert ist, könne auf dieser Ebene nicht entschieden werden.

Deshalb bettet er die technowissenschaftliche Ordnung in die rechtlich-politische, die die Grenzen des gesetzlich Zulässigen bestimmt. Da aber auch dies nicht reicht, weil sich menschliche Schwächen wie Egoismus, Verachtung oder Hass auch innerhalb des Legalen unerwünscht entfalten können, beschreibt der Philosoph als dritte Ordnung jene der Moral, die sich um die beiden inneren wie ein weiterer Kreis lege. Durch sie würden das Technische, Wissenschaftliche und Ökonomische sowie das Rechtliche und Politische eingehegt. Dabei heißt Moral all das, was Menschen unabhängig vom Gehorsam gegenüber dem Gesetz aus Pflichtgefühl tun oder lassen. Und darüber setzt Comte-Sponville als vierte Ebene noch die Ethik, die sich von der Moral dadurch unterscheide, dass das menschliche Verhalten hier von Liebe und Empathie statt von Pflichtgefühl geleitet würde.

Diese philosophische Annäherung an die notwendige Rückbindung der Ökonomie, die Seneca schon im Altertum in den knappen Satz fasste: “Was das Gesetz nicht verbietet, verbietet der Anstand.“, konvergiert zuletzt mit jener, die auch die Religionen meinen.

Schöpferische Symbiose

Der Zusammenbruch des US Investmenthauses Lehmann Brothers 2008 entfesselte die aktuelle Finanz- und Schuldenkrise. Der Kollaps des Ladens – eine Investmentbank ist keine Bank – sticht als, leider nicht einziges Symptom eines Kapitalismus hervor, der aus dem juristischen, moralischen und ethischen Gehege ausgebrochen ist, das Gesetzgeber, Dichter, Philosophen und Prediger errichtet hatten. Wer will, kann darin ein Versagen der moralischen Instanz gegenüber dem ökonomischen Wolf – beides im Menschen verankert – sehen, einen üblen Triumph des Geldes über das Gewissen.

Historisch stand aber das Pendel zwischen den Polen nie still, sodass Hoffnung besteht, auch den entgleisten globalen Kapitalismus unserer Tage wieder in vertretbare Bahnen zu lenken. Allerdings können Gesetze, Literatur, Traktate oder Enzykliken nur Richtlinien, Denkanstöße und Orientierungshilfen bieten, die effektive Korrektur muss die Gesellschaft als Ganzes, genauer, jedes ihrer Mitglieder, auf moralischer Ebene leisten.

Diese notwendige Anstrengung fällt, als gewichtige Wirtschaftsakteure, besonders auch den Unternehmen zu. Deren Eigentümer und Führungskräfte stehen in der Pflicht, ihre Betriebe nicht unter Missachtung von Gesetz und Anstand zu maßlosen Profiten zu treiben, sondern den legitimen Geschäftserfolg bei allem Eifer nur mit Respekt und Achtsamkeit vor der Mitwelt zu suchen. Erst wenn die Wirtschaftsteilnehmer, Konsumenten eingeschlossen, erkennen und danach agieren, dass sie selbst für einen nicht nur produktiven und effizienten Kapitalismus verantwortlich sind, sondern auch für einen, der mit dem Wohlergehen der Menschheit und umsichtiger Umweltschonung kompatibel ist, kehren Geld und Ökonomie wieder in die Schranken

Da sollte uns Joseph Schumpeters berühmtes Wort von der schöpferischen Zerstörung als Antrieb des Kapitalismus, das er positiv meinte, eher zur Warnung dienen. Denn gerade der letzte ökonomische Schrei, Big und Smart Data genannt, diese digitale Invasion aller Lebensfacetten, zerstört mit seinen glänzenden Effizienzverheißungen konstitutive Werte und Strukturen der Gesellschaft und schöpft doch bloß schnödes Geld. Zivilisatorischer Fortschritt liegt nicht im rabiaten Kapitalismus 4.0, der das Individuum unters Joch des Netzkommerzes zwingt, sondern, wie zu allen Zeiten, dort, wo sich das mäßigende Gewissen stürmischer Ökonomie gleichgewichtig entgegenstellt. Deshalb: Rückbesinnung auf die Option schöpferischer Symbiose im Masseschwerpunkt des Pendels.