Startseite  >  Berger Logistik  >  News  >  Vernunft gegen Ohnmacht

Vernunft gegen Ohnmacht

07.03.2017

Platons Höhle im digitalen Zeitalter

Publiziert in der Tiroler Tageszeitung vom 04.03.2017

Von David Gulda

Das kalifornische Santa-Clara-Tal, südlich von San Francisco gelegen, ist ein sagenhafter Landstrich: Silicon Valley. Mountain View, Menlo Park und Cupertino, drei Gemeinden dort, haben zusammen nur wenig mehr Einwohner als Innsbruck, beherbergen aber mit Google, Facebook und Apple drei Unternehmen, die jene digitale Transformation repräsentieren, die die Welt überzieht. Sie und ihresgleichen gestalten die Zukunft der Menschheit und es dämmert der europäischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nur langsam, dass sie bei diesem Spiel, das sämtliche demokratischen, ökonomischen und sozialen Gewissheiten erschüttert, bloß der getretene Ball sind.

Hinter der Fama

Über die Gründer der digitalen Mächte geht die herzige Mär, dass sie begabte Studenten oder sogar Schulabbrecher waren, die es mit Phantasie, Wagemut und Beharrlichkeit geschafft hätten, aus Bastelbuden heraus eine technologische Revolution auszulösen und zu einem ökonomischen Erfolg zu machen, der sich nun in Milliarden pro Quartal bemisst. Der amerikanische Traum in XXL.

Der zweite Teil der Fama ist aus den Geschäftsberichten ersichtlich und auch am ersten ist bestimmt etwas dran. Die vollständige Story lautet aber, dass sie ihre Ideen auf den Grundlagen verwirklichten, die zuvor vom US-Verteidigungsministerium, dem Pentagon, genauer gesagt von der dort eingerichteten DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), gelegt wurden, wie die Wirtschaftsprofessorin an der Universität Sussex, Mariana Mazzucato schreibt, die zu Apple vermerkt: „[?] die moderne Technologie in iPod, iPhone und iPad ist ein oft übersehenes und unbekanntes Ergebnis der Forschungen und Investitionen von Regierung und Militär."1

DARPA hat das Internet nicht nur erfunden, sondern auch kommerzialisiert, und es war eine militärstrategische Meisterleistung der USA, vor ca. 60 Jahren schon die Vision einer globalen digitalen Zukunft zu entwerfen und sie zielstrebig umzusetzen. Vorgegebener Zweck waren Bedürfnisse der nationalen Sicherheit. Entstanden ist ein Instrument, das die Welt beherrscht. Die Milliardeninvestitionen dazu kamen aus dem Staatshaushalt, nicht aus privaten Kassen. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Forschungs- und Förder­ergebnisse erfolgt allerdings durch die genannten und andere Profitmaschinen, deren Zugriff auf den Globus, so darf man annehmen, den strategischen Interessen und dem geheimdienstlichen Informationshunger der USA durchaus gelegen kommt. Auf vergleichbare Art geht das Land übrigens derzeit bei der Entwicklung der Nanotechnologie vor, wie Mazzucato, die davon merklich fasziniert ist, ebenfalls nachweist und deren Thesen es angeblich auch dem österreichischen Bundeskanzler angetan haben.

Bedingungen der Dominanz

An dieser Stelle ließe sich viel über die Fragwürdigkeit von Zielen und Methoden oder das Verhältnis von militärischen zu kommerziellen Interessen oder von staatlichen Aufwendungen zu privatisierten Gewinnen sagen sowie über die Kunstfertigkeit von Weltkonzernen, nationale Steuergesetzgebungen rund um den Globus so auszunutzen, dass die eigene Abgabenleistung überall zur Lächerlichkeit verkommt. Und es ließe sich wunderbar darüber lamentieren, dass Europa das fiskalische Dilemma mitverschuldet und die technische Zukunft sowieso verschlafen hat.

Doch jeder Versuch, der digitalen Dominanz und, übrigens, auch dem darauf reitenden getwitterten Machtgepolter des neuen Regenten im Weißen Haus etwas entgegenzusetzen, ist zum Scheitern verurteilt, wenn Bürger und Bürgerinnen nicht erkennen, dass ihre Einfalt Bedingung ihrer digital vermittelten wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Unterjochung ist. Denn jegliche mächtig Herrschende brauchen ohnmächtig Beherrschte. Erkenntnis und Eingeständnis eigenen Versagens der Massen, die das Netz bevölkern, sind notwendige Voraussetzungen zur Überwindung der Blindheit, von der sie sich befallen ließen. Dabei ist Klugheit das bessere Mittel als Wut.

Platons Höhle

Zu den berühmtesten Lehrstücken der griechischen Klassik gehört Platons Höhlengleichnis. Es ist gut 2500 Jahre alt und doch von solcher Frische, wie sie nur ewigen Wahrheiten zukommt. Daher beantwortet es auch die Frage nach der Ursache der heutigen Blindheit und dem Ausgang daraus.

Das Gleichnis: Einige Gefangene befinden sich in einer tiefen Höhle und sind dort so angebunden, dass sie nur auf eine Wand schauen können. Oben hinter ihnen befindet sich ein Feuer, das Licht spendet und dazwischen ein Weg, über den verschiedene Objekte getragen werden, die, dank des Feuers, Schatten an die Wand vor den Gefangenen werfen.

Eines Tages wird einer von ihnen aus der Höhle gebracht. Das gleißende Sonnenlicht schmerzt ihn, doch er gewöhnt sich daran und erkennt die Welt in ihrer Pracht und vor allem, dass Schatten die Realität nur abbilden, sie aber nicht selbst sind.

Käme er nun zurück in die Höhle, so Platon, könnte er seine Kameraden wohl nicht davon überzeugen, dass die Bilder an der Wand bloße Irrlichter sind. Sie würden meinen, er hätte sich draußen die Augen verdorben, würden ihn für seine Erkenntnis auslachen und womöglich jeden umbringen, der versuchte, auch sie hinauszuführen. Sie würden es bevorzugen, in ihrer Scheinwelt zu verharren. Das Lehrstück ist eine Parabel auf die Erreichbarkeit von Erkenntnis und enthält das Gebot, sich dieser nicht zu verweigern.

Höhle heute

Kerberos hieß der furchterregende mehrköpfige Hund der alten Griechen, der Ein- und Ausgang der Unterwelt bewachte.

An der Schwelle zur Hö(h)(l)le der Gegenwart, dem Internet, sitzen etliche Giganten des digitalen Kapitalismus, nicht nur die drei eingangs erwähnten, und auch nicht als abschreckende Hunde, sondern als lockende Sirenen. Mit dem Versprechen süßer Bequemlichkeit und vermeintlicher Kostenlosigkeit fangen sie die Menschen im Netz und machen sie als User zu Objekten kommerzieller Ausbeutung und intellektueller Beschränkung.

Ein trampelnder Grobian in Übersee, hump-dumpende Gesellen hierzulande, mit nationalistischen Parolen wahlkämpfende Männer und Frauen in den Niederlanden und Frankreich ergreifen die Gelegenheit, die im Netz Verstrickten auf politischer Ebene mit nachrichtlichen Schattenbildern zu füttern, die diese allzu gern für wahr halten. Vernunftbegabte Menschen mutieren zu Insassen einer aus „alternativen Fakten", vulgo Fake News, gespeisten Informationsblase, jener vergleichbar, der Platons Gefangene ausgesetzt waren. Diese wie jene verwechseln Schatten und Wahrheit.

In Dante Alighieris „Göttlicher Komödie" heißt es, dass jene, die das Inferno betreten, alle Hoffnung fahrenlassen sollen. Hat er Recht? Ist alle Hoffnung vergeblich? Oder ist den digitalen und politischen Scheinwelten doch zu entrinnen?

Lichtstrahl der Hoffnung

Zwei Optionen haben die Menschen, sich dem Dunkel der Höhle zu entziehen. Entweder sie üben sich in digitaler Abstinenz und betreten den Raum nicht. Oder sie wandern auf dem Lichtstrahl der Erkenntnis zum Höhlenausgang, um zu lernen, Sinnvolles von Unsinnigem, Wichtiges von Trivialem, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Dem digitalen Müll, aus dem Wirtschaftsmagnaten und politische Glücksritter anrüchiges Kapital schlagen, können die gefesselte Gesellschaft und der ohnmächtige Einzelne nur entkommen, wenn sie ihrer aus Bequemlichkeit und Leichtgläubigkeit selbstverschuldeten Unmündigkeit die eigene Vernunft entgegensetzen. Immanuel Kants Rezept aus 1784 ist auch im digitalen Zeitalter unvermindert aktuell.